Übersicht | Aktuelle Infos | Die LAG Hamburg informiert | Über den Rand geschaut | zurück

Es war einmal ein großer Narr

Zum Tode von Frieder Nögge. - Wenn er auf der Bühne tobte, gluckste, reimte, dann waren die Zuschauer verzaubert und lachten Tränen. Frieder Nögge gelang etwas wirklich seltenes und großes: Er war in der Lage, weise, liebevoll und unglaublich komisch auf einmal zu sein.
Ich erlebte ihn als Schüler mit seinen vier Temperamenten und war gerührt und erfüllt von soviel Leicht- und Tiefsinn. Nögge trat auf den Bühnen der Waldorfschulen auf und ihn störte es nie als "Waldorfkasper" abgestempelt zu werden. "Es wäre mir viel peinlicher, wenn ich zum Beispiel >Fernsehblödler< hieße." Er hatte das Talent, berühmt zu werden, das blödeln im Fernseher hätte ihn reich machen können. Aber Frieder Nögge verkaufte sein Lachen nicht. "Das Publikum und ich, wir brauchen uns. Ich denke oft, wenn ich so vor dem Schminkspiegel sitze: Was gehen deine Späßchen einen chinesischen Reisbauern an. Das Lachen der Sonne geht ihn viel mehr was an. Das Umjubeltwerden hat mich nicht hochsteigen lassen, ich habe nichts unter mir. Ich habe nur was über mir, die Sonne. Und wenn der chinesische Reisbauer bei der oder jener Gelegenheit aus tiefer Seele strahlt und ich, vielleicht zur gleichen Zeit, so plötzlich, gerade so auf der Bühne, bei dem oder jenem Liedchen strahle, dann gehen wir uns beide was an. Er und ich - Kinder des Lichtes. Auf so ein einmaliges Lachen kommt es an."

Dieser große, melancholische Poet, der sich selber als Narr bezeichnete, sprühte vor Lebenslust, und ein Geistesblitz nach dem anderen flog von der Bühne direkt in die Herzen der Zuschauer. Und keiner dieser Blitze tat weh. Der "Humorosoph" verletzte nicht, sein Humor war heilsam und kannte keine Zielgruppen, außer den Menschen. Er wollte das "Lachen in der Welt vor dem Aussterben bewahren".
Nögge, 1955 in Göppingen als Sohn einer Eurythmistin geboren, studierte Schauspiel und Musik mit Auszeichnungen. Aber vor allem studierte er das Leben und die Menschen. Er hatte den Blick für das Wesentliche und konnte die Stärken und Schwächen der Menschen in Worte, Gesten und Töne fassen und verwandeln.

Er zeigte keine Karikaturen oder albernen Abziehbilder, er schuf den Menschen neu. Und er tat dies vor allem im Forum3 in Stuttgart. Hier fand er Menschen, die ihm eine Heimat gaben und ihm ermöglichten, seine Narrheiten zum Erfolg zu führen.

Die geistige Nähe zur Anthroposophie brachte im nicht nur Freunde. Vor allem aus den "eigenen Reihen" erfuhr er oft Gegenwind. "...sie wenden nichts gegen mein anthroposophisches Künstlertum ein, natürlich nicht, sondern gegen mein falsch anthroposophisches. Seitenlang bekomme ich dargestellt, was Kunst ist, voll mit Zitaten aus den 6000 Vorträgen des armen Rudolf Steiner. Wenn ich so viel Zeit hätte, so viel über Kunst zu lesen, so viel gelesenes auswendig zu lernen und so viel auswendig Gelerntes zum inneren Dogma zu erheben, dann hätte ich weder die Kraft noch den Mut, mich persönlich zu irren.

Lese ich einen pädagogischen Vortrag von Steiner..., dann möchte ich auf den Tisch springen und diese lichtdurchdrungenen liebevollen Lebenswahrheiten vom Blatt spielen.
Das ist für mich Anthroposophie. Sie macht mich tanzen, singen und dichten. Sie ist fruchtbar, verwirklichbar und ernährt das künstlerische... Es gibt, dem Inhalt nach, nur Weltanschauungstheater. Allein im >wie<, in der Art und Weise des Vortrages, ist der wahre Künstler Individualität, freies schöpferisches Ich."

Nögge war freischaffender Clown, Humorsoph, Liedermacher, Regisseur, Theaterleiter und Theaterpädagoge. Im Nögge-Atelier-Theater in Backnang gab er seine Erfahrungen und sein Talent an junge Menschen weiter. Seine Schüler, seine Texte, seine Liebe und sein Lachen werden die Zeit überdauern. Frieder Nögge schrieb diese Zeilen: "...was Ihr heut sät, blüht morgen auf als Licht, Ihr selber seht so Eure Siege nicht...". Er nahm sich am 16. Oktober das Leben. Seine Saat ist aufgegangen, nun müssen wir sie pflegen.

Lied vom Werden (Nögge)

Wenn Du auf diese Erde flutschst so
klitscheklein verdrückt verdrutscht
nach einer Brust plärrst, schmatzt und hickst
glaubst Du, daß Du jetzt fertig bist?
Du wirst, du wirst, gedeihst und wächst
bald krabbelnd, plappernd, fällst und streckst
bald gehst Du, stehst Du, sprichst Du, denkst
bald fragst Du, trotzt Du, sinnst, erkennst.
Der erste Schritt ins Leben schafft
den Weg für eine Wanderschaft
so wandre los, unfertig, bloß -
doch nur als Unvollkommner wahr,
wahrhaftig Mensch im Kleid des Narrn.
Wenn Du zum ersten Mal durchglüht
durchwühlt, durchfühlt die Liebe spürst
rauh, mild, kalt, heiß, verhurt, geweiht -
glaubst Du, daß das die Liebe sei?
Du wirst, Du wirst durch Leid und Trug
bald haut's Dich rab vom Höhenflug
bald steigst Du auf an lieber Hand
erkennst bald, wirst bald selbst erkannt
ergründest nie der Liebe Kraft
so bleibst Du stets auf Wanderschaft
bleibst heimatlos, bleibst ruhelos
doch nur als Unvollkommner wahr,
wahrhaftig Mensch im Kleid des Narrn.
Wenn Du nur Knochen noch und Haut
Dir Haus und Hof und Herd gebaut
an Wissen satt, an Ehre reich
glaubst Du, daß das jetzt alles sei?
Du wirst, Du wirst, selbst noch als Greis,
der zahnlos auf das lrd'sche pfeift
ein Wiedersäugling, der entdeckt
daß zwischen Staub der Himmel steckt
der seinen Leib zusammenlegt
den Hut nimmt, sich auf Pfade macht
für eine weitre Wanderschaft.
Und Schritt für Schritt, nur wird, nur wird.
Verwandlung ist's, die uns bestimmt
bis wir an einem fernen Tag
da, wo die Liebe wohnen mag
in ihrem Schoß zu Hause sind.

Sebastian Gronbach

aus: Info 3 - November 2001

Druckversion DruckversionLetzte Änderung: 11.11.2001 zurück

Sommerakademie 2010

Pressethemen Hamburg
Über den Rand geschaut
Aus Bildung, Kultur und Wissenschaft
17 Rubriken aus Bildung, Kultur und Wissenschaft
Studium, Universitäten
HH-Rundbrief INFO
Postkartenservice
Bildergalerie u. Postkarten- service

Download:
Internationales Schulverzeichnis
PDF-Datei | HTML

Deutsches Schulverzeichnis
PDF-Datei | HTML