Buchbesprechung: Keine Computer im Klassenzimmer
Clifford Stoll: LogOut - Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien
252 S., kart. DM 29,90. Fischer Verlag, Frankfurt 2001
252 S., kart. DM 29,90. Fischer Verlag, Frankfurt 2001
Am 22. Februar präsentierte der S. Fischer Verlag das 1999 in den USA erschienene Buch des Astro-Physikers und Internet-Mitentwicklers Clifford Stoll, dessen Titel in seiner Unverblümtheit in unseren Buchläden noch auffällt. Wie die generelle Stimmung zur flächendeckenden Einführung des Computers in der Schule hierzulande ist, konnte man bei den offiziellen Eröffnungsreden anlässlich der Bildungsmesse in Hannover wahrnehmen, die fast wie ein Vorgriff auf die Eröffnung der CEBIT (Computermesse) wirkten. Die zu erwartende Aufmerksamkeit für das Thema erhoffte der Verlag mit einer Präsentationstournee bedienen zu können, die den Autor in verschiedene Städte der Bundesrepublik führte. Es leuchtet freilich ein, dass nicht nur die Computerwelle aus den USA kommt, entsprechend verzögert erhalten wir auch von dort die Erkenntnisse über deren Auswirkungen auf die Kinder, das Schulwesen, die menschlichen Lebensweisen überhaupt.
Dass Clifford Stoll auf eine breite Sammlung wissenschaftlicher Untersuchungen der Auswirkungen der neuen Medien zurückgreifen kann, gibt seinen Ausführungen Gewicht, sein lockerer, humoriger Schreibstil, der auch vor bekräftigenden Wiederholungen nicht zurückschreckt, macht die Lektüre über weite Strecken regelrecht unterhaltsam. Hierin liegt meines Erachtens auch ein Wert des Buches: Es klärt nicht auf hohem technologischen oder psychologischen Niveau über die Wirkungen des PC etc. auf, es kommt uns vielmehr auf der üblichen Ebene der Meinungsbildung, der alltäglichen Erfahrungsebene entgegen, wenn Stoll uns etwa fragt, wie viele marmeladebehafteten Brotkrümel wohl ein Schulbuch im Gegensatz zu einer Laptoptastatur verträgt oder wie oft der eine wie der andere Gegenstand wohl ohne Schaden aus der Schultasche zu Boden fallen darf. Gut lesbar ist das Buch auch dadurch, dass sein Autor unbestreitbare Fachkompetenz besitzt und darüber hinaus auch noch mehrfach betont, überhaupt nichts gegen Computer zu haben - dass er seinen eigenen ausgesprochen gerne benutzt.
Wo liegen also die Einwände, die sich gar nicht nur auf Kinder beziehen? - Stoll sieht "den naiven Glauben an die leeren Versprechungen des Computerkults", die Suggestion, alles sei umsonst zu bekommen, die Illusion des Nutzens und die Verschleierung der Tatsache, dass es sich vor allem um Unterhaltung und ein riesiges Geschäft handelt. "Meine Skepsis entsteht aus meiner Liebe zum Computer, aus dem Wunsch, unsere technologische Welt menschengerechter zu machen anstatt die Menschen maschinengerechter." Zunächst hinterfragt und zerpflückt Stoll die verbreitete Auffassung, "Computerwissen" sei ein unverzichtbares Bildungsgut. Nicht alles, was im Alltagsleben von Bedeutung sei, wie etwa Autos oder "Coca Cola", müsse zwangsläufig Gegenstand des Schulunterrichts werden. Mit anschaulichen Beispielen und anderen Worten greift er schon hier die Position auf, die Professor Böhme von der TU Darmstadt unter dem Schlagwort "Bildung als Widerstand" (Die ZEIT, 16.9.99) vertritt, dass es nämlich viel Wichtigeres gebe, was Kinder für ihre Persönlichkeitsentwicklung und die Gesellschaft für den Erhalt einer Mindestkultur brauchen, als Computerkenntnisse.
In dem Kapitel "Lernen mit Spaß" zitiert Stoll Rudolf Steiner aus dem "Pädagogischen Jugendkurs", wo dieser die Vorstellung vom andauernden Spaß beim Lernen kritisiert. Stoll entlarvt die animatorischen Versuche, Kindern dauernden Spaß beim (Computer-)Lernen zu verschaffen, als Entwertung des Lernens und Lehrens, was Lehrer immer mehr in die Rolle des Entertainers und Schüler zu einer Erwartung des Lernens ohne Arbeit führe. Gerade die Fülle an Lernsoftware, die in den USA bis in die Kindergärten hinein zur Anwendung kommt, liefert für Stoll genügend Anschauungs- und Argumentationsmaterial, um die Vorstellung vom computergestützten Lernen stark in Zweifel zu ziehen. Der Interaktivität des Computers stellt Stoll die Überlegenheit der menschlichen Interaktivität gegenüber, so z.B., wenn er für die Vorbereitung der Lehrer mehr Zeit (Geld) fordert oder feststellt, "dass die Technologie die Zeit der Lehrer verschwendet - im Klassenzimmer und außerhalb". Einleuchtend stellt Stoll die wirklichen Kosten des Computers im Klassenzimmer dar. Hierzu gibt es auch in Deutschland eindrucksvolle Hoch- bzw. noch nicht budgetierte Rechnungen. Vergleichende Betrachtungen zum Schulbuch, zur Originallektüre und zur eigenen Wahrnehmungstätigkeit der Kinder verweisen bei Stoll das Lernmittel Laptop und Computer immer wieder auf hinterste Ränge. Was der Computer im Kindergarten vermag, inwiefern er (k)eine Hilfe beim Rechnenlernen ist, wie unsinnig die Frage nach dem "rechten Maß" sein kann, Stoll bleibt das ganze Buch hindurch seiner unerbittlichen und begründeten Skepsis treu. Den unmittelbar pädagogischen Bereich verlassend, fügt Stoll unter der Überschrift "Was noch alles gegen Computer zu sagen ist" manche "High-Tech-Ketzerei" an, wenn er die Tauglichkeit von Software, die Verfallszeit der Hardware (veraltete Geräte werden gerne "großzügig" verschenkt), deren Hässlichkeit, die vordergründige Attraktivität computergestützter Vorträge und die Illusion der Kommunikation im Internet beschreibt. Treffend werden in diesem Zusammenhang auch sogenannte Zukunftsprognosen entlarvt, werden Botschaften aus Goethes "Faust" auf heutige Lebensfragen angewandt.
Alles in allem liegt hier ein Buch vor, dass der ebenso unkritischen wie massiven öffentlichen Förderung des Computerwesens für das Kinderalter die Aufforderung entgegenstellt, die Sachverhalte, die dadurch entstehen (und schon entstanden sind), einmal konsequent zu Ende zu denken bzw. elementare menschliche und zwischenmenschliche Erfahrungen weiterhin zur Maxime des eigenen Handelns zu machen. Dass hier vor allem Kindern gegenüber eine besondere Verantwortung besteht, daran lässt Stoll in dem Buch keinen Zweifel. Hilfreich ist es vor allem dadurch, dass es Erfahrungen mit dem PC ebenso plausibel wie unaufdringlich für die vermutlich große Zahl der Leser bereithält, die diese Erfahrungen noch nicht so ausführlich machen konnten und deren Zustimmung zum großen Trend stillschweigend (!) vorausgesetzt wird.
Walter Hiller
Aus: Erziehungskunst
Dass Clifford Stoll auf eine breite Sammlung wissenschaftlicher Untersuchungen der Auswirkungen der neuen Medien zurückgreifen kann, gibt seinen Ausführungen Gewicht, sein lockerer, humoriger Schreibstil, der auch vor bekräftigenden Wiederholungen nicht zurückschreckt, macht die Lektüre über weite Strecken regelrecht unterhaltsam. Hierin liegt meines Erachtens auch ein Wert des Buches: Es klärt nicht auf hohem technologischen oder psychologischen Niveau über die Wirkungen des PC etc. auf, es kommt uns vielmehr auf der üblichen Ebene der Meinungsbildung, der alltäglichen Erfahrungsebene entgegen, wenn Stoll uns etwa fragt, wie viele marmeladebehafteten Brotkrümel wohl ein Schulbuch im Gegensatz zu einer Laptoptastatur verträgt oder wie oft der eine wie der andere Gegenstand wohl ohne Schaden aus der Schultasche zu Boden fallen darf. Gut lesbar ist das Buch auch dadurch, dass sein Autor unbestreitbare Fachkompetenz besitzt und darüber hinaus auch noch mehrfach betont, überhaupt nichts gegen Computer zu haben - dass er seinen eigenen ausgesprochen gerne benutzt.
Wo liegen also die Einwände, die sich gar nicht nur auf Kinder beziehen? - Stoll sieht "den naiven Glauben an die leeren Versprechungen des Computerkults", die Suggestion, alles sei umsonst zu bekommen, die Illusion des Nutzens und die Verschleierung der Tatsache, dass es sich vor allem um Unterhaltung und ein riesiges Geschäft handelt. "Meine Skepsis entsteht aus meiner Liebe zum Computer, aus dem Wunsch, unsere technologische Welt menschengerechter zu machen anstatt die Menschen maschinengerechter." Zunächst hinterfragt und zerpflückt Stoll die verbreitete Auffassung, "Computerwissen" sei ein unverzichtbares Bildungsgut. Nicht alles, was im Alltagsleben von Bedeutung sei, wie etwa Autos oder "Coca Cola", müsse zwangsläufig Gegenstand des Schulunterrichts werden. Mit anschaulichen Beispielen und anderen Worten greift er schon hier die Position auf, die Professor Böhme von der TU Darmstadt unter dem Schlagwort "Bildung als Widerstand" (Die ZEIT, 16.9.99) vertritt, dass es nämlich viel Wichtigeres gebe, was Kinder für ihre Persönlichkeitsentwicklung und die Gesellschaft für den Erhalt einer Mindestkultur brauchen, als Computerkenntnisse.
In dem Kapitel "Lernen mit Spaß" zitiert Stoll Rudolf Steiner aus dem "Pädagogischen Jugendkurs", wo dieser die Vorstellung vom andauernden Spaß beim Lernen kritisiert. Stoll entlarvt die animatorischen Versuche, Kindern dauernden Spaß beim (Computer-)Lernen zu verschaffen, als Entwertung des Lernens und Lehrens, was Lehrer immer mehr in die Rolle des Entertainers und Schüler zu einer Erwartung des Lernens ohne Arbeit führe. Gerade die Fülle an Lernsoftware, die in den USA bis in die Kindergärten hinein zur Anwendung kommt, liefert für Stoll genügend Anschauungs- und Argumentationsmaterial, um die Vorstellung vom computergestützten Lernen stark in Zweifel zu ziehen. Der Interaktivität des Computers stellt Stoll die Überlegenheit der menschlichen Interaktivität gegenüber, so z.B., wenn er für die Vorbereitung der Lehrer mehr Zeit (Geld) fordert oder feststellt, "dass die Technologie die Zeit der Lehrer verschwendet - im Klassenzimmer und außerhalb". Einleuchtend stellt Stoll die wirklichen Kosten des Computers im Klassenzimmer dar. Hierzu gibt es auch in Deutschland eindrucksvolle Hoch- bzw. noch nicht budgetierte Rechnungen. Vergleichende Betrachtungen zum Schulbuch, zur Originallektüre und zur eigenen Wahrnehmungstätigkeit der Kinder verweisen bei Stoll das Lernmittel Laptop und Computer immer wieder auf hinterste Ränge. Was der Computer im Kindergarten vermag, inwiefern er (k)eine Hilfe beim Rechnenlernen ist, wie unsinnig die Frage nach dem "rechten Maß" sein kann, Stoll bleibt das ganze Buch hindurch seiner unerbittlichen und begründeten Skepsis treu. Den unmittelbar pädagogischen Bereich verlassend, fügt Stoll unter der Überschrift "Was noch alles gegen Computer zu sagen ist" manche "High-Tech-Ketzerei" an, wenn er die Tauglichkeit von Software, die Verfallszeit der Hardware (veraltete Geräte werden gerne "großzügig" verschenkt), deren Hässlichkeit, die vordergründige Attraktivität computergestützter Vorträge und die Illusion der Kommunikation im Internet beschreibt. Treffend werden in diesem Zusammenhang auch sogenannte Zukunftsprognosen entlarvt, werden Botschaften aus Goethes "Faust" auf heutige Lebensfragen angewandt.
Alles in allem liegt hier ein Buch vor, dass der ebenso unkritischen wie massiven öffentlichen Förderung des Computerwesens für das Kinderalter die Aufforderung entgegenstellt, die Sachverhalte, die dadurch entstehen (und schon entstanden sind), einmal konsequent zu Ende zu denken bzw. elementare menschliche und zwischenmenschliche Erfahrungen weiterhin zur Maxime des eigenen Handelns zu machen. Dass hier vor allem Kindern gegenüber eine besondere Verantwortung besteht, daran lässt Stoll in dem Buch keinen Zweifel. Hilfreich ist es vor allem dadurch, dass es Erfahrungen mit dem PC ebenso plausibel wie unaufdringlich für die vermutlich große Zahl der Leser bereithält, die diese Erfahrungen noch nicht so ausführlich machen konnten und deren Zustimmung zum großen Trend stillschweigend (!) vorausgesetzt wird.
Walter Hiller
Aus: Erziehungskunst





